Geschichte des Biers
Bier gehört zu den ältesten Getränken der Menschheit. Hier erfährst du, wie es sich über Jahrtausende entwickelt hat und wie es in verschiedenen Ländern gebraut und getrunken wird.
Ursprung und Entwicklung
Bier ist wahrscheinlich so alt wie der Ackerbau. Wo Menschen Getreide anbauten, merkten sie, dass ein Brei aus Getreide und Wasser von selbst zu gären beginnt. Manche Forscher vermuten sogar, dass der Wunsch nach Bier den Anbau von Getreide beschleunigt hat.
In Mesopotamien und Ägypten gehörte Bier zum Alltag. Es war nahrhaft und nur leicht alkoholisch. Gebraut wurde es aus Malz und halb gebackenen Brotfladen, oft mit Datteln oder Honig, und getrunken wurde es mit langen Halmen aus grossen Krügen.
In Europa brauten Kelten und Germanen Bier, während Griechen und Römer lieber Wein tranken und Bier als Getränk der Barbaren ansahen. Im Mittelalter wurde Bier dann zu einem Grundnahrungsmittel für alle Stände.
Klöster und Mittelalter
Im Mittelalter wurden die Klöster zu Zentren der Braukunst. Die Mönche brauten für sich, für Gäste und Pilger, schrieben ihr Wissen auf und verbesserten die Verfahren. Der Klosterplan von St. Gallen aus dem 9. Jahrhundert zeigt gleich drei Brauhäuser.
In der Fastenzeit war flüssige Nahrung erlaubt. Darum brauten Mönche besonders kräftige Fastenbiere – der Doppelbock der Münchner Paulanermönche geht auf diese Tradition zurück.
In den Städten entstanden Brauzünfte. Hansestädte wie Hamburg, Bremen und Einbeck lieferten Bier bis in den ganzen Ostseeraum, denn mit Hopfen hielt es lange genug für weite Wege. Weihenstephan bei Freising beruft sich auf das Jahr 1040 und gilt als älteste noch bestehende Brauerei der Welt.
Reinheitsgebot und Braurecht
Früher landete vieles im Bier: Kräuter und Gewürze, aber auch giftige Pflanzen wie Bilsenkraut. Städte und Fürsten erliessen deshalb Regeln. Die bekannteste ist das bayerische Reinheitsgebot von 1516: Bier durfte nur aus Gerste, Hopfen und Wasser bestehen. Die Hefe war damals noch unbekannt.
Das Gebot sollte die Qualität sichern, schützte aber auch Weizen und Roggen für das Brot. Ausnahmen gab es trotzdem: Weissbier aus Weizen durften lange Zeit nur wenige Adlige brauen, später nur die bayerischen Herzöge selbst.
In Deutschland gelten die Grundsätze des Reinheitsgebots bis heute, und am 23. April feiert man den Tag des Deutschen Bieres. Die Schweiz kennt kein Reinheitsgebot: Hier dürfen Brauereien auch andere Zutaten verwenden, müssen sie aber deklarieren.
Wissenschaft und Industrialisierung
Im 19. Jahrhundert wurde das Brauen zur Wissenschaft. Dampfmaschinen, Thermometer und Saccharometer machten die Arbeit planbar, und die Eisenbahn brachte Bier in ferne Städte.
Mit der Kältemaschine von Carl von Linde (1873) konnte Lagerbier das ganze Jahr gebraut werden. Louis Pasteur zeigte 1876, dass Mikroorganismen Bier verderben, und Emil Christian Hansen gelang 1883 bei Carlsberg die erste Reinzuchthefe. Im selben Labor entwickelte Søren Sørensen 1909 die pH-Skala – die gleiche, mit der wir heute den Maische-pH messen.
Das goldklare Pilsner aus Böhmen eroberte die Welt, auch weil Gläser günstig wurden und man die Farbe des Biers nun sah. Grosse Brauereien wuchsen schnell und verdrängten viele kleine.
20. Jahrhundert und Craft-Bier
Zwei Weltkriege, die Prohibition in den USA (1920–1933) und viele Fusionen liessen die Zahl der Brauereien stark sinken. In vielen Ländern beherrschten wenige Konzerne den Markt mit hellen, mild gehopften Lagerbieren. In den USA gab es Ende der 1970er-Jahre weniger als hundert Brauereien.
Als Gegenbewegung entstand ab den 1970er-Jahren die Craft-Bier-Bewegung. In England kämpfte CAMRA für das traditionelle Fassbier, in den USA wurde 1978 das Heimbrauen erlaubt. Hobbybrauer gründeten kleine Brauereien und belebten alte Stile wie Pale Ale, Porter oder IPA neu.
Heute gibt es wieder eine riesige Vielfalt. In der Schweiz stieg die Zahl der registrierten Brauereien von 81 im Jahr 2000 auf über 1000, viele davon kleine Haus- und Hobbybrauereien.
Bierfeste und Trinkkultur
Das Oktoberfest in München begann 1810 mit einem Pferderennen zur Hochzeit von Kronprinz Ludwig. Heute gilt es als das grösste Volksfest der Welt; getrunken wird aus dem Masskrug mit 1 Liter.
Der Biergarten stammt aus Bayern: Brauereien lagerten ihr Bier in Kellern unter schattigen Kastanienbäumen und durften es ab 1812 direkt dort ausschenken. Weil sie kein Essen verkaufen durften, brachten die Gäste ihre Brotzeit selbst mit – in traditionellen Biergärten ist das bis heute erlaubt.
Das „Prost“ beim Anstossen kommt vom lateinischen „prosit“: Es möge nützen. In England trifft man sich im Pub, in Belgien hat fast jedes Bier sein eigenes Glas, und in der Schweiz bestellt man eine „Stange“ mit drei Dezilitern.
Zeitstrahl
- vor rund 13 000 Jahren
In der Raqefet-Höhle im heutigen Israel fanden Forscher die bisher ältesten Spuren eines bierähnlichen Getränks aus Getreide.
- ab 4000 v. Chr.
In Mesopotamien brauen die Sumerer regelmässig Bier. Tontafeln verzeichnen Bierrationen als Teil des Lohns.
- um 2500 v. Chr.
Im Alten Ägypten ist Bier ein Grundnahrungsmittel. Die Arbeiter an den Pyramiden erhalten Brot und Bier als Lohn.
- um 1800 v. Chr.
Die „Hymne an Ninkasi“ preist die sumerische Göttin des Bieres und beschreibt dabei, wie Bier gebraut wird – eines der ältesten überlieferten Bierrezepte.
- um 1750 v. Chr.
Der Codex Hammurabi in Babylon regelt den Bierausschank. Wer beim Bier betrügt, wird hart bestraft.
- 98 n. Chr.
Der römische Geschichtsschreiber Tacitus beschreibt in seiner „Germania“ das Getränk der Germanen aus Gerste oder Weizen.
- um 820
Der Klosterplan von St. Gallen zeigt gleich drei Brauhäuser: für die Mönche, für vornehme Gäste sowie für Pilger und Arme.
- 12. Jahrhundert
Die Äbtissin Hildegard von Bingen schreibt, dass Hopfen Getränke haltbarer macht. Nach und nach verdrängt der Hopfen die Grut, eine Kräutermischung zum Würzen.
- 1516
Am 23. April erlassen die bayerischen Herzöge in Ingolstadt das Reinheitsgebot: Bier darf nur aus Gerste, Hopfen und Wasser gebraut werden.
- 1553
Bayern verbietet das Brauen im Sommer. Gebraut wird nur noch zwischen Ende September und Ende April – die kühle Gärung fördert die untergärige Hefe.
- 1810
Zur Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese findet in München das erste Oktoberfest statt, damals noch mit einem Pferderennen.
- 1842
In Pilsen braut der bayerische Braumeister Josef Groll das erste Pilsner – ein goldklares Lagerbier, das die Welt erobert.
- 1873
Carl von Lindes Kältemaschine geht bei der Spaten-Brauerei in München in Betrieb. Lagerbier kann nun das ganze Jahr gebraut werden.
- 1876
Louis Pasteur veröffentlicht seine „Études sur la bière“ und zeigt, dass Mikroorganismen Bier verderben.
- 1883
Emil Christian Hansen züchtet im Carlsberg-Labor in Kopenhagen die erste Reinzuchthefe für Lagerbier. Carlsberg gibt sie an Brauereien in aller Welt weiter.
- 1892
William Painter erfindet in den USA den Kronkorken.
- 1920–1933
In den USA herrscht Prohibition: Alkohol ist verboten, Hunderte Brauereien schliessen für immer.
- 1935
In den USA kommt das erste Bier in Dosen auf den Markt. In der Schweiz beginnt im gleichen Jahr das Bierkartell, das bis Anfang der 1990er-Jahre Preise und Absatzgebiete festlegt.
- 1971
In England gründen Bierfreunde die Campaign for Real Ale (CAMRA), um das traditionelle Fassbier zu retten.
- 1978
US-Präsident Jimmy Carter unterzeichnet das Gesetz, das das Heimbrauen erlaubt. Viele der ersten Craft-Brauer waren Hobbybrauer.
- 2016
Die UNESCO nimmt die belgische Bierkultur in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf.
- heute
Craft-Bier hat die Vielfalt zurückgebracht: In der Schweiz sind über 1000 Brauereien registriert, in den USA gibt es über 9000.
Fun Facts rund ums Bier
- Der älteste bekannte Hinweis auf ein bierähnliches Getränk ist rund 13 000 Jahre alt: Rückstände in der Raqefet-Höhle im heutigen Israel.
- Die Sumerer tranken ihr Bier mit langen Trinkhalmen aus grossen Krügen – so blieben Spelzen und Körner, die oben schwammen, im Krug.
- Im Codex Hammurabi aus Babylon steht: Eine Schankwirtin, die ihre Gäste beim Bier betrügt, soll ins Wasser geworfen werden.
- 1989 braute die Anchor Brewing Company in San Francisco ein Bier nach der sumerischen „Hymne an Ninkasi“ – nach einem fast 4000 Jahre alten Rezept.
- Im Alten Ägypten und in Mesopotamien war Bier ein Zahlungsmittel: Arbeiter bekamen einen Teil ihres Lohns in Bier.
- Über Jahrtausende war Brauen vor allem Frauensache – in Mesopotamien ebenso wie bei den Germanen und im mittelalterlichen England.
- Die Wikinger tranken Bier und Met gern aus Trinkhörnern. Hörner an den Helmen trugen sie dagegen nicht – das ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts.
- Dass man im Mittelalter nur Bier trank, weil das Wasser überall verseucht war, ist ein Mythos. Bier war aber nahrhaft und gehörte zu fast jeder Mahlzeit.
- Weihenstephan bei Freising beruft sich auf das Jahr 1040 und gilt als älteste noch bestehende Brauerei der Welt.
- Gambrinus, der sagenhafte König des Bieres, geht wohl auf Herzog Johann I. von Brabant zurück, der im 13. Jahrhundert lebte.
- Der wissenschaftliche Name der Bierhefe, Saccharomyces cerevisiae, bedeutet „Zuckerpilz des Bieres“.
- Hopfen ist mit Hanf verwandt: Beide gehören zur Familie der Hanfgewächse.
- Früher stopfte man Kopfkissen mit Hopfen, weil er beruhigen und beim Einschlafen helfen soll.
- Bis ins 17. Jahrhundert waren fast alle Biere dunkel und rauchig, weil das Malz über offenem Feuer gedarrt wurde. Erst Darren, die mit Koks beheizt wurden, machten helles Malz möglich.
- Braune Flaschen schützen Bier besser vor Licht als grüne oder durchsichtige. Licht kann im Bier einen unangenehmen „Lichtgeschmack“ erzeugen.
- Barley Wine ist trotz seines Namens kein Wein, sondern ein sehr starkes Bier.
- Die stärksten Biere der Welt haben über 60 % Alkohol. Sie werden wie der Eisbock konzentriert: Man friert einen Teil des Wassers aus.
- 2010 fanden Taucher bei den Ålandinseln in einem Wrack aus den 1840er-Jahren Flaschen mit Bier. Forscher untersuchten es im Labor – es ist eines der ältesten erhaltenen Biere.
- 2009 brachte Sapporo ein Bier aus Gerste heraus, deren Vorfahren auf der Internationalen Raumstation gewachsen waren – das „Space Barley“.
- Wer Bier liebt und sich gut damit auskennt, heisst „Zythophiler“ – nach dem griechischen Wort „zythos“ für Bier.
- In Deutschland und Skandinavien schaut man sich beim Anstossen in die Augen. Wer es nicht tut, dem drohen dem Volksmund nach sieben Jahre Pech.
- Oktoberfeste gibt es heute auf allen bewohnten Kontinenten – vom brasilianischen Blumenau bis nach Windhoek in Namibia und Goa in Indien.
Biergeschichte nach Ländern
Europa
- Belgien
- Dänemark
- Deutschland
- Estland
- Finnland
- Frankreich
- Grossbritannien
- Irland
- Island
- Italien
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- Niederlande
- Norwegen
- Österreich
- Polen
- Portugal
- Schweden
- Schweiz
- Slowenien
- Spanien
- Tschechien
- Ungarn