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Bier in Belgien: Geschichte, Tradition und Brauereien

Seit 2016 gehört die belgische Bierkultur zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Kaum ein Land hat so viele eigenständige Bierstile.

Geschichte

Schon im Mittelalter war das Gebiet des heutigen Belgiens ein Bierland. Städte wie Brügge verdienten am Recht, die Grut zu verkaufen, eine Kräutermischung zum Würzen, und in Klöstern und Dörfern braute man für den eigenen Bedarf.

Belgien kannte nie ein Reinheitsgebot. Darum blieben Gewürze, Früchte, Zucker und wilde Hefen erlaubt, und es entstanden Stile wie Witbier, Saison, Lambic und die starken Klosterbiere.

Nach der Französischen Revolution wurden viele Klöster aufgehoben. Im 19. Jahrhundert kehrten die Trappistenmönche zurück und begannen wieder zu brauen, etwa in Westmalle (1836), Westvleteren (1838) und Chimay (1862).

Von 1919 bis 1983 verbot das Vandervelde-Gesetz, in Cafés Spirituosen auszuschenken. Das trug dazu bei, dass starke Biere in Belgien besonders beliebt wurden.

Im Pajottenland und in Brüssel überlebte das Lambic: Bier, das spontan mit wilden Hefen aus der Luft vergärt und jahrelang in Holzfässern reift. 2016 erklärte die UNESCO die belgische Bierkultur zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit.

Tradition und Trinkkultur

Fast jedes belgische Bier hat sein eigenes Glas, und viele Cafés führen Bierkarten mit Hunderten Sorten. Bier wird zum Essen getrunken und auch zum Kochen verwendet, etwa im Rindsragout mit Bier, der Carbonade flamande.

Jedes Jahr im September feiert das Belgian Beer Weekend auf dem Brüsseler Grand-Place die Bierkultur des Landes.

Fun Facts

  • Westmalle braute 1934 das erste Tripel, ein helles, starkes Klosterbier, das heute weltweit nachgebraut wird.
  • Duvel heisst „Teufel“: Ein Verkoster soll das neue Bier in den 1920er-Jahren einen „richtigen Teufel“ genannt haben.
  • Das Glas für Kwak hat einen runden Boden und steht in einem Holzgestell. Der Legende nach war es für Kutscher gedacht, die ihr Bier am Wagen festmachen wollten.
  • Westvleteren 12 verkaufen die Mönche nur auf Reservierung und in kleinen Mengen – Werbung machen sie keine.
  • Lambic-Brauer brauen traditionell nur in der kühlen Jahreszeit, etwa von Oktober bis April. Im Sommer wären zu viele unerwünschte Keime in der Luft.
  • Seit 2016 fliesst in Brügge Bier durch eine über 3 km lange Leitung unter der Altstadt, von der Brauerei De Halve Maan zur Abfüllanlage.

Typische Bierstile

Bierstädte und ihre Geschichten

Antwerpen

Der Sage nach verlangte der Riese Druon Antigoon von den Schiffern auf der Schelde Zoll und hackte jedem, der nicht zahlte, die Hand ab. Der Held Brabo besiegte ihn und warf dessen Hand in den Fluss – „Hand werpen“ soll der Stadt den Namen gegeben haben. Die Hand ist bis heute das Wahrzeichen Antwerpens und steht auch im Logo der Brauerei De Koninck (seit 1833): Sie geht auf eine steinerne Zollhand bei dem Gasthaus zurück, aus dem die Brauerei entstand. Ihr Bier bestellt man in Antwerpen einfach als „Bolleke“, nach dem runden Glas.

Brügge

Die Herren von Gruuthuse besassen das Recht, die Grut zu besteuern, die Kräutermischung, mit der man Bier vor dem Hopfen würzte. Ihr Palast ist heute ein Museum. Die Brauerei De Halve Maan, seit 1856 im Besitz derselben Familie, pumpt ihr Bier seit 2016 durch eine rund drei Kilometer lange Leitung unter der Altstadt zur Abfüllanlage.

Gent

In der Bierbar Dulle Griet gibt es das grosse „Max“ nur gegen Pfand: einen Schuh, der in einem Korb an die Decke gezogen wird. Die Schlinge („strop“) ist ein Symbol der Stadt: 1540 mussten Gents Stadtobere mit einem Strick um den Hals Kaiser Karl V. um Gnade bitten, daran erinnert das Bier „Gentse Strop“. Die Brauerei Gruut braut seit 2009 wieder Biere mit Grut statt Hopfen.

Brüssel

In der Gegend um Brüssel wird Lambic gebraut. Die Brauerei Cantillon (seit 1900) vergärt es noch wie früher spontan und ist zugleich ein lebendiges Museum. Am Grand-Place steht das Haus der Brauerzunft mit einem Brauereimuseum.

Leuven

In Leuven wird die Brauerei Den Hoorn schon 1366 erwähnt. Sébastien Artois kaufte sie 1717, und 1926 entstand hier Stella Artois, zuerst als Weihnachtsbier – „Stella“ heisst Stern. Heute hat AB InBev, der grösste Brauereikonzern der Welt, seinen Sitz in Leuven.

Mechelen

Im Grossen Beginenhof wird seit dem 15. Jahrhundert gebraut, heute von der Brauerei Het Anker. Ihr Gouden Carolus ist nach den Goldmünzen Kaiser Karls V. benannt, der in Mechelen aufwuchs. Das braune Bier aus Mechelen liess sich der Kaiser später sogar bis in sein Kloster in Spanien bringen.

Westvleteren

Die Mönche der Abtei Sint-Sixtus brauen seit 1838 und nur so viel, wie sie für ihren Lebensunterhalt brauchen. Ihr Westvleteren 12 gilt vielen als eines der besten Biere der Welt; die Flaschen haben kein Etikett, und verkauft wird vor allem direkt an der Abtei.

Orval

Der Legende nach verlor die Gräfin Mathilde von Tuszien ihren Ehering in einer Quelle, und eine Forelle brachte ihn zurück. Sie nannte den Ort „Val d’Or“, goldenes Tal. Die Forelle mit dem Ring ist bis heute das Zeichen des Trappistenbiers Orval.

Hoegaarden

Ende der 1950er-Jahre schloss hier die letzte Witbier-Brauerei. 1966 begann Pierre Celis, der als Junge beim letzten Witbier-Brauer mitgeholfen hatte, das Bier neu zu brauen, und machte es weltberühmt.

Poperinge

Die Hopfenhauptstadt Belgiens ist von Hopfenfeldern umgeben. Ein Hopfenmuseum erzählt die Geschichte des Anbaus, und alle drei Jahre feiert die Stadt ein grosses Hopfenfest.

Roeselare

Die Brauerei Rodenbach (seit 1821) lässt ihr Flämisches Rotbier in riesigen Eichenfässern reifen, den Foeders, die eine ganze Halle füllen.

Beersel

Das Dorf südlich von Brüssel ist ein Zentrum des Lambic. Hier reifen die spontan vergorenen Biere der Brauereien Drie Fonteinen und Oud Beersel in Holzfässern.

Bierstädte der Welt

Brauereien und ihre Geschichten

De Koninck

Antwerpen · seit 1833

Entstand aus einem Gasthaus am damaligen Stadtrand, bei dem eine steinerne Zollhand stand – daher die Hand im Logo. Das „Bolleke“ ist das Stadtbier Antwerpens; seit 2010 gehört die Brauerei zu Duvel Moortgat.

Bekannt für: De Koninck („Bolleke“)

Cantillon

Brüssel · seit 1900

Familienbrauerei, die Lambic und Gueuze noch traditionell spontan vergärt. Gebraut wird nur in der kalten Jahreszeit, wenn die wilden Hefen und Bakterien aus der Luft die Würze gut beimpfen.

Bekannt für: Gueuze 100 % Lambic, Kriek, Rosé de Gambrinus

Westvleteren

Abtei Sint-Sixtus · seit 1838

Die kleinste Trappistenbrauerei. Verkauft wird vor allem direkt an der Abtei nach Reservation, die Flaschen tragen kein Etikett.

Bekannt für: Westvleteren 12, 8 und Blond

Westmalle

Abtei Westmalle · seit 1836

Braut seit 1836 und erfand 1934 das Tripel. Dubbel und Tripel aus Westmalle gelten als Vorbilder ihrer Stile.

Bekannt für: Tripel, Dubbel

Chimay

Abtei Scourmont · seit 1862

Die Mönche brauen seit 1862 und stellen auch Käse her. Die drei Hauptbiere erkennt man an der roten, weissen und blauen Kappe.

Bekannt für: Chimay Blau, Rot und Weiss

Orval

Abtei Orval · seit 1931

Die Brauerei entstand 1931, um den Wiederaufbau der Abtei zu finanzieren. Sie braut im Wesentlichen ein einziges Bier, das mit der wilden Hefe Brettanomyces in der Flasche nachreift.

Bekannt für: Orval

Duvel Moortgat

Breendonk · seit 1871

Die Familie Moortgat gründete die Brauerei 1871. Nach dem Ersten Weltkrieg braute sie ein Starkbier, das bald „Duvel“ hiess – „Teufel“. Heute ist Duvel das bekannteste helle Starkbier Belgiens.

Bekannt für: Duvel

Rodenbach

Roeselare · seit 1821

Vier Brüder Rodenbach kauften 1821 eine kleine Brauerei. Ihr Flämisches Rotbier reift in grossen Eichenfässern und schmeckt angenehm säuerlich.

Bekannt für: Rodenbach Grand Cru

Dupont

Tourpes · seit 1844

Bauernhofbrauerei, deren Saison Dupont als Klassiker des Saison-Stils gilt.

Bekannt für: Saison Dupont

Het Anker

Mechelen · seit 1471

Braut im Grossen Beginenhof, wo schon im 15. Jahrhundert Bier gebraut wurde. Bekannt für das Gouden Carolus.

Bekannt für: Gouden Carolus Classic

De Halve Maan

Brügge · seit 1856

Familienbrauerei in der Altstadt mit einer eigenen Bierleitung unter den Gassen von Brügge.

Bekannt für: Brugse Zot, Straffe Hendrik

Stella Artois

Leuven · seit 1366

Geht auf die Brauerei Den Hoorn zurück; Stella Artois entstand 1926 als Weihnachtsbier und ist heute weltweit bekannt.

Bekannt für: Stella Artois

Zeitstrahl

  1. 1366Leuven

    In Leuven wird die Brauerei Den Hoorn erwähnt – der Ursprung von Stella Artois.

  2. 1471Mechelen

    Im Grossen Beginenhof von Mechelen wird Bier gebraut. Heute braut hier die Brauerei Het Anker ihr Gouden Carolus.

  3. 1540Gent

    Gents Stadtobere müssen Kaiser Karl V. mit einem Strick um den Hals um Gnade bitten. Daran erinnert das Bier „Gentse Strop“.

  4. 1821Roeselare

    Vier Brüder Rodenbach kaufen in Roeselare eine Brauerei. Ihr Rotbier reift bis heute in riesigen Eichenfässern.

  5. 1833Antwerpen

    Aus einem Gasthaus am Stadtrand wird die Brauerei De Koninck. Ihr Bier bestellt man in Antwerpen einfach als „Bolleke“.

  6. 1836Westmalle

    Die Trappisten von Westmalle beginnen zu brauen. 1934 erfinden sie das Tripel.

  7. 1838Westvleteren

    Die Mönche von Sint-Sixtus beginnen zu brauen – bis heute nur so viel, wie sie zum Leben brauchen.

  8. 1856Brügge

    Die Brauerei De Halve Maan in Brügge kommt in den Besitz der Familie, der sie bis heute gehört.

  9. 1900Brüssel

    In Brüssel gründet die Familie Cantillon ihre Brauerei. Ihr Lambic gärt bis heute spontan mit wilden Hefen aus der Luft.

  10. 1926Leuven

    Stella Artois kommt als Weihnachtsbier auf den Markt – „Stella“ heisst Stern.

  11. 1931Orval

    In Orval entsteht eine Brauerei, die den Wiederaufbau der Abtei finanziert. Auf dem Etikett: die Forelle mit dem Ring.

  12. 1956Poperinge

    Poperinge feiert zum ersten Mal die Hoppefeesten, das grosse Hopfenfest, das seither etwa alle drei Jahre stattfindet.

  13. 1966Hoegaarden

    Pierre Celis braut in Hoegaarden wieder Witbier – und macht den fast verschwundenen Stil weltberühmt.

  14. 2016Brügge

    Das Bier von De Halve Maan fliesst nun durch eine Leitung unter der Altstadt zur Abfüllanlage.

  15. 2016ganzes Land

    Die UNESCO nimmt die belgische Bierkultur ins immaterielle Kulturerbe der Menschheit auf.

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