Bier in Thailand: Geschichte, Tradition und Brauereien
Ein Adliger mit einem Traum, ein Bierkrieg um Löwe und Elefant und kleine Brauer, die ins Gefängnis mussten: Thailands Biergeschichte ist jung, aber voller Dramatik.
Geschichte
Bangkok, 1933. Ein Jahr zuvor hat eine Revolution die absolute Monarchie beendet, das Land sucht seinen Weg in die Moderne. In dieser Zeit wagt ein Adliger etwas, das noch niemand in Siam versucht hat: Phraya Bhirom Bhakdi will Bier brauen, im eigenen Land, für das eigene Volk. Bisher kam Bier nur in Schiffsladungen aus Europa, teuer und für wenige.
Phraya Bhirom Bhakdi reist nach Deutschland und Dänemark, um das Brauen zu lernen, und holt sich deutsche Braumeister nach Bangkok. Seine Brauerei Boon Rawd entsteht am Ufer des Chao Phraya. Das erste Bier nennt er Singha, nach dem mythischen Löwen der thailändischen Tempel. 1939 erhält die Brauerei das königliche Garuda-Wappen – eine Auszeichnung, die bis heute auf jedem Etikett steht.
Vorher hatten die Menschen in Thailand ihre eigenen vergorenen Getränke: Sato aus Klebreis, mild und trüb, oft auf dem Land für Feste gebraut, und Lao Khao, einen klaren Reisschnaps. Bier blieb lange ein Getränk der Städte. Erst mit dem Wirtschaftswachstum der 1960er- und 1970er-Jahre wurde es im ganzen Land beliebt.
Sechzig Jahre lang war Singha fast allein. Dann kam der Elefant. 1995 brachte der Unternehmer Charoen Sirivadhanabhakdi das Bier Chang auf den Markt: günstiger, stärker und mit einem Elefanten auf dem Etikett. Innerhalb weniger Jahre überholte Chang den Löwen. Boon Rawd schlug 1998 mit dem preiswerten Leo zurück. Der „Bierkrieg“ zwischen Löwe, Elefant und Leopard prägt den thailändischen Markt bis heute. Chang-Logos gingen sogar um die Welt: Von 2004 bis 2017 stand Chang auf den Trikots des englischen Fussballclubs Everton.
Gleichzeitig wurde der Staat strenger. Seit 1972 darf Alkohol nur zu bestimmten Zeiten verkauft werden, an buddhistischen Feiertagen gar nicht. Seit 2008 ist Werbung für Alkohol fast ganz verboten. Die Brauereien fanden einen Ausweg: Sie werben für Mineralwasser und Sodawasser, die genau gleich heissen und gleich aussehen wie ihre Biere.
Am härtesten traf es die kleinen Brauer. Wer Bier verkaufen wollte, musste nach dem Gesetz mindestens 100 000 Liter im Jahr in einer Gasthausbrauerei brauen oder gleich zehn Millionen Liter in einer Brauerei mit Abfüllung. Für Hobbybrauer war das unerreichbar. Viele thailändische Craft-Brauer liessen ihre Rezepte deshalb in Kambodscha, Vietnam oder Australien brauen und führten ihr eigenes Bier wieder ein.
Den Anfang des Widerstands machte Wichit Saiklao, ein früherer Soldat. Auf der kleinen Flussinsel Ko Kret bei Bangkok braute er sein „Chit Beer“ und brachte vielen anderen das Brauen bei – man nennt ihn den Vater des thailändischen Craft-Biers. 2017 wurde der Hobbybrauer Taopiphop Limjittrakorn verhaftet und verbrachte eine Nacht im Gefängnis, weil er zu Hause Bier gebraut hatte. Zwei Jahre später sass er im Parlament und kämpfte für ein neues Gesetz. Im November 2022 fielen die Mindestmengen endlich weg. Seither entstehen überall kleine Brauereien.
Tradition und Trinkkultur
In der Hitze kommt Bier oft mit Eiswürfeln ins Glas. Das ist kein Zeichen von schlechtem Bier, sondern Alltag: Das Bier bleibt kalt, und man trinkt etwas leichter. Beliebt ist auch „Bier wun“, halb gefrorenes Bier mit Eiskristallen.
Zum Bier gehören immer Kleinigkeiten zum Essen, „Kap Klaem“: scharfe Salate, gegrillte Spiesse, getrockneter Tintenfisch. Angestossen wird mit „Chon gaeo!“. Bier wird nur von 11 bis 14 Uhr und von 17 bis 24 Uhr verkauft, an buddhistischen Feiertagen gar nicht.
Fun Facts
- Wer in Thailand am Nachmittag um 15 Uhr Bier im Supermarkt kaufen will, hat Pech: Zwischen 14 und 17 Uhr ist der Verkauf seit 1972 verboten.
- Weil Alkoholwerbung verboten ist, gibt es von Singha und Chang Mineralwasser und Sodawasser mit fast dem gleichen Etikett – so bleibt die Marke sichtbar.
- Chang stand 13 Saisons lang, von 2004 bis 2017, auf den Trikots des Fussballclubs Everton.
- Viele thailändische Craft-Biere wurden jahrelang im Ausland gebraut und als „Importbier“ ins eigene Land zurückgebracht.
Typische Bierstile
Bierstädte und ihre Geschichten
Bangkok
Am Chao Phraya gründete Phraya Bhirom Bhakdi 1933 die Brauerei Boon Rawd, die erste Brauerei Thailands. Heute ist Bangkok auch das Zentrum der jungen Craft-Bier-Szene mit Bars, die Dutzende Biere vom Fass anbieten.
Ko Kret
Die kleine Flussinsel im Chao Phraya ist für ihre Töpferei bekannt – und für Wichit Saiklao. Mit seinem „Chit Beer“ und seinen Braukursen wurde er zum Vater des thailändischen Craft-Biers, lange bevor das Brauen für kleine Brauer legal war.
Brauereien und ihre Geschichten
Boon Rawd
Die erste Brauerei Thailands, gegründet von Phraya Bhirom Bhakdi. Sie braut Singha mit dem königlichen Garuda-Wappen und seit 1998 das preiswerte Leo.
Bekannt für: Singha
Chang (ThaiBev)
Charoen Sirivadhanabhakdi brachte Chang 1995 auf den Markt und überholte damit innerhalb weniger Jahre Singha. Sein Konzern ThaiBev ist heute einer der grössten Getränkekonzerne Asiens.
Bekannt für: Chang Classic
Zeitstrahl
- 1933Bangkok
Phraya Bhirom Bhakdi gründet Boon Rawd, die erste Brauerei Thailands, und braut das erste Singha.
- 1972ganzes Land
Alkohol darf nur noch zu bestimmten Zeiten verkauft werden – von 14 bis 17 Uhr ist Pause.
- 1995Bangkok
Chang mit dem Elefanten kommt auf den Markt und überholt bald den Löwen Singha.
- 1998Bangkok
Boon Rawd antwortet mit dem preiswerten Leo – der Bierkrieg ist in vollem Gang.
- 2008ganzes Land
Alkoholwerbung wird fast ganz verboten. Die Brauereien werben nun für Wasser mit gleichem Etikett.
- 2017ganzes Land
Der Hobbybrauer Taopiphop Limjittrakorn wird verhaftet, weil er zu Hause Bier gebraut hat. Später kämpft er im Parlament für freies Brauen.
- Nov. 2022ganzes Land
Die Regierung streicht die Mindestmengen. Kleine Brauereien dürfen endlich legal brauen.